Zoo-AG

Anmerkungen

Exkursionsbericht Tierpark Berlin

6. April 1997

Auch hier recht wenig Zeit, und das Wetter bestimmte die Rundgangsplanung: Ständig wechselnder Sonnenschein lockte uns zu Freigehegen, und heftigster Schneesturm trieb uns in die Häuser. Um das Fazit vorwegzunehmen: Im Gegensatz zum West-Zoo wurde hier emsig gebaut, nur leider nichts Schönes. Im Gegenteil, manchmal möchte man daran verzweifeln, wieviel Geld verbaut und welche Möglichkeiten vertan wurden. Über Geschmack lohnt sich zwar nicht zu streiten, aber Zoos haben nun einmal eine Aufgabe über gute Tierhaltung hinaus (die unzweifelhaft gegeben ist) - nämlich auch einen Eindruck von der Beziehung zwischen Tier und seiner Umwelt zu vermitteln und damit zu ermöglichen, das Tier besser zu verstehen. In Gehegen, die durch und durch künstliche Strukturen haben, in denen Tiere nur als Schaustücke einer noch so bedeutenden Sammlung stehen, ist das nicht möglich. Auf der ZooKunft Hannover wurde betont: Zoos sind ein hochgradig erklärungsbedürftiges Produkt; und genau das wird hier vollkommen vernachlässigt.

brehmhausBeispiel 1: Das Brehmhaus. Die endlosen Gitterkäfig-Galerien sollten schon lange umgebaut werden. Jetzt haben die Großkatzen auf der Westseite dreimal so große Anlagen, mit Wasserbecken - eigentlich doch gut, oder? Aber: Es sind noch immer kubische, aufgereihte Gitterkäfige, darin ein Alibi-Baumstamm vor altbekannter Kachelwand. Großkatzen-Sammelalbum. Gegenüber wäre die zehnfache Fläche frei, die Phantasie hätte alle Freiheiten gehabt: riesige Kletterkäfige für Leoparden; Glas-Schauscheiben, ja auch weitere Freianlagen wären möglich gewesen. Chance vertan; und an der Ostseite wird genau dasselbe gebaut.

zebrasBeispiel 2: Neue Einhuferanlagen. Eine weite Fläche, vom Brehmhaus bis zum Schuttberg, stand für das "Afrikanum I" zur Verfügung. Entstand eine geräumige Afrika-Anlage? Mit gemischten Tierbesatz; mit weitem Blick auf eine Landschaft mit grüner Hügel-Kulisse hinten? Anhand derer auch ökologische Zusammenhänge und Naturschutzprobleme vermittelt werden können? Nein, hier steht nun eine Reihe von fünf zwar großen, aber leeren Einzelart-Gehegen, mit hohen Gittern umstellt, dahinter unversteckt Absperrgehege und Ställe mit Garagenflair, und Grünstreifenbepflanzung vor technisch wirkenden Trockengräben. Klar, verschiedene Zebra-Arten muß man in einzelnen Gehegen halten, es sind Lauftiere und auch industriell wirkende Ställe sind gut zur Tierhaltung geeignet und erleichtern die Tierpflege. Die Kritik liegt woanders: Wenn man schon vier Zebraarten und noch Wildesel halten will - wogegen prinzipiell auch nichts einzuwenden ist -, muß man sie nebeneinander in steril wirkenden Gehegen immer gleicher Bauart zeigen? Hat der Besucher eines gesehen, läuft er an den übrigen gleichgültig vorbei; das Bild ist immer dasselbe. Wie hieß es in Hannover? - "Ein Zoo soll Illusionen wecken"...

giraffenhausBeispiel 3: Das Giraffenhaus gleich daneben, gleicher Baustil, noch gigantischer. Wohl die größte reine Giraffenanlage Deutschlands, eine ausgedehnte Schotterfläche, vom monströsen Haus dahinter dominiert. Die Halle hält jeden Vergleich mit einer Tennishalle oder einer Feuerwehr-Garage, nur strahlt sie weniger Charme aus: Glatter Betonboden, sauber rechtwinklig von Elementgittern unterteilt, hin und wieder mit einer Giraffe im Hintergrund geschmückt, die vor der Größe der Halle mit mehr als doppelter Giraffenhöhe geradezu mickrig wirkt - wie war das: "die Tierhaltung soll Achtung vor dem Tier erzeugen"?

Beispiel 4: Afrikanum II. Noch wird gebuddelt, doch die Pläne sind eindeutig: erneut eine lange Reihe uniformer Einzelart-Antilopengehege, sinnigerweise um das Asien-Makakengehege gruppiert. Wieder mit reichlich Drahtgitter und Stallgebäuden, die mit viel Wohlwollen noch als Zweckbauten zu bezeichnen sind - wenn man den Zweck auf reine Tierunterbringung beschränkt.

Beispiel 5: Schlangenfarm. Nach ihrer "Rettung" durch Bürgerproteste mittlerweile vollkommen umgebaut, reihen sich erneut endlose Schlangen- und Schildkrötenterrarien aneinander. Sicher, die Tierhaltung ist viel besser geworden, aber mehr als eine Kollektion verschiedener Reptilien ist es für die Besucher nicht. Die Besonderheiten der Arten, ihre speziellen Bedürfnisse und ihre Einbindung in ein Ökosystem bleiben durch die Uniformität der Präsentation vollkommen verborgen. Und dann mußten im Mittelgang der großen Halle die früheren Krokodilanlagen auch noch für Wasserschildkröten umgebaut werden - manche der sehr großen Tiere können sich in ihrer sterilen Wasserwanne kaum umdrehen.

Beispiel 6: Das Malaienbär-Haus: Die schweren Gitterkäfige des früheren Menschenaffen-Knasts (Entschuldigung, aber genau das war und ist der Eindruck!) sind auch mit Holz-Einrichtung und neuem Außenkäfig alles andere als schön. Mag ja sein, daß sich die Bären hier gut halten lassen - aber wie soll in solch trostlosen Käfigen beispielsweise Ehrfurcht vor dem lebenden Tier erzeugt werden, zweifellos eine Grundlage für Naturverständnis und Naturschutz?

seekuh-poolBeispiel 7: Das Dickhäuterhaus. Da hat man die größte Besucherhalle aller deutschen, wenn nicht gar europäischen Zoos, und was macht man? Weite Besucherflächen sind leer und ungenutzt, die Möglichkeit der Elefanten-Innenanlagen-Erweiterung hat man mit dem Manatipool verbaut, der dann auch noch viel kleiner als möglich ausgefallen ist und den Charme eines Schulschwimmbades vermittelt. Als dessen Hauptattraktion fungiert die raffinierte Vor-Filteranlage - so etwas kann man durchaus zeigen, aber doch nicht als zentrales Schaustück im Besucherbereich!

Dann wäre da noch ein neuer, klobiger, kahler Schweinsaffenkäfig , in dem kein Kletterbaum die 1,5-m-Marke überragt. Eine Kleinsäuger-Baracke, mit Glasterrarien vollgestellt, die zudem schon lange vor Parkschlußschweinsaffenkäfigabgeschlossen ist. Eine Gibboninsel, dessen indonesisch angehauchtes Haus unter einer Art Gasdruckflaschen-Schutzkäfig verborgen ist, und auf der noch immer die schon 1994 als zu dick erkannten Bambusstämme die Bewegungsfreude der Bewohner behindern.

Hat uns auch etwas gefallen? Aber sicher: Die "Gegenstromanlage" bei den Pinguinen, die von den Tieren begeistert genutzt wird (hätte aber auch weniger technisch aussehen können); die weitläufige Trappenanlage (obwohl das Besondere der Tiere in keinster Weise betont wird - der Normalbesucher läuft achtlos vorbei); die Gemeinschaftsgehege für kleinere Säuger im Elefantenhaus; die Kuba-Laubfrösche in der Krokodilhalle (leider nicht beschildert) und das Computer-Informationsystem am Eingang U-Bahn-Station.

Und was gibt's sonst Neues? Palmenflughunde und Blauschafe, neues aufwendiges Holz-Putenhaus, Waldbisongehege; Haustieranlagen schon in Bau, Bärenbrücke abgebrochen,... und wir waren ja auch nicht überall. Kein Zweifel: Es hat sich unglaublich viel getan in den letzten Jahren, fast alle Provisorien sind verschwunden, die Tierhaltung ist bis auf kleine Probleme in Ordnung. Was wirklich stört und eine gewisse Polemik geradezu herausfordert, das ist die Art, wie die Tiere besonders in den neuen Gehegen präsentiert werden: Losgelöst von ihrer natürlichen Umgebung, als Sammlungsstücke, von perfekter Haltungstechnik umgeben, die aber völlig ungeeignet ist, ein Verständnis für Wildtiere zu wecken - von der Aussage her eine moderne Menagerie. In den Naturkundemuseen werden die Sammlungskästen durch Dioramen ersetzt, die die präparierten Tiere fast lebendig wirken lassen, hier jedoch werden lebende Tiere zum Bio-Inventar degradiert. Das wurmt besonders, wenn man um die Möglichkeiten weiß: Geld, Platz, Unterstützung, Personal, Wissen und ein einzigartiger Tierbestand auf einem der schönsten Zoogelände sind wohl nur hier in dieser Kombination vorhanden. Warum baut man dann bloß Giraffengaragen, Leopardensammelboxen, Bärenkassetten, Schlangensetzkästen und Zebra-Archive??

(c) D. Petzold 97


Nachtrag 1999: Ich nehme ja ungern so schön ausformulierte Kritik zurück ;-), aber aus Gründen der Fairness hier eine Stellungnahme dazu von Peter Röglin vom Förderverein des Tierparks, der die Berliner Zoos fraglos sehr viel besser kennt:


Die Gegendarstellung:

Aus dem Bericht über den Tierparkbesuch in Berlin entnehme ich, daß die neu entstandenen Anlagen und Tierhäuser relativ langweilig und eintönig wirken. Dieser Vorwurf ist immer wieder mal von den Besuchern zu hören. Andere Besucher finden gerade diesen Baustil zweckmäßig und zukunftsorientiert, weil hier mit möglichst wenig Geld eine optimale Tierunterkunft entsteht, die anderswo mit sehr viel mehr Aufwand nicht näherungsweise erreicht wird.

Hierzu zählen:

1. Unterbringung von großen Zuchtgruppen (ab 10 Tiere) und Unterbringung von mehr als einem männlichen Tier (Ersatzmännchen). Beispiele aus dem Tierpark: zur Zeit 16 Takine, 2 Zuchtmännchen (einzige Zuchtgruppe Deutschlands), zur Zeit 10 Wapiti-Hirsche mit 2 Spießern (einzige Zuchtgruppe Deutschlands), zur Zeit 12 Zwergwapiti ( einzige Zuchtgruppe Europas), zur Zeit 10 Somali-Wildesel (entspricht 1/6 des Weltbestandes) mit 2 Zuchtmännchen, zur Zeit 8 Hartmann-Bergzebras (von Ausrottung bedroht), 10 Grevy-Zebras, 8 Chapman-Zebras alle mit Jungtieren aus diesem Jahr. Desgleichen Gruppen ab 10 Tiere bei Mhorr-Gazellen (regelmäßige Auswilderung), Säbelantilopen, Mendesantilopen und Oryxantilopen. Die Einhufer zeigen natürliches Herdenverhalten.

Absperrboxen: Für die Zucht kann ein Zoo niemals genug Absperrboxen haben Die Absperrboxen vor dem Besucher zu verstecken nur um das Bild zu verschönern, hieße, dem Besucher den Anblick der Tiere zu ersparen. Der Besucher will aber keine Kulisse sehen (da reicht ein Foto), sondern möglichst viele lebendige Tiere.

2. Einzelunterkünfte für Tiere in den Ställen - im Tierpark Berlin hat jede Antilopen eine eigene Absperrbox im Haus.

3. Lärmvermeidung in den Ställen - im Tierpark sind die Antilopen- und Einhuferställe nicht vom Besucher begehbar. Die Schiebetüren in den Ställen sind durch besondere Konstruktion geräuschlos.

4. Deckungen für die Tiere durch Verwendung von Gittern an inigen Stellen der Freisichtanlagen. Der Drahtzaun suggeriert Sicherheit und Deckung, während ein Trockengraben stets von den Zebras überwacht werden muß (Streß).

5. Trennung der Tierarten und -unterarten zur Vermeidung von gegenseitigen Verletzungen (Zebra werden gegen Antilopen sehr aggressiv - insbesondere auf kleinem Raum).

Zum Brehmhaus:Die neuen Außenkäfige kosteten 100.000 DM pro Käfig. Das Geld kam von privaten Spendern aus versteuerten Lohneinkünften. Für 100.000 DM kann man keine Freianlage bauen. Die ist ja auch nur für Löwen und Tiger sinnvoll - und die haben ja bereits sechs Freisichtanlagen. Für 100.000 DM bekommt man in Berlin nur einen Drahtkäfig - und das ist besser als der alte Zustand. Der alte Zustand - das war ein Mini-Außenkäfig, in dem ein Jaguar exakt drei Schritte in jede Richtung machen konnte. Leider setzte auch der Denkmalschutz enge Grenzen für eine Neukonstruktion, denn die ursprüngliche Käfigreihe durfte nicht verändert werden, die alte Bausubstanz durfte nicht angerührt werden. Auch durften nicht mehrere Käfige zusammengelegt werden, sondern es mußten exakt 14 Einzelkäfige bleiben. Alternative wäre also ein Neubau und die Stillegung des alten Raubtierhauses - was aus finanziellen Gründen derzeit völlig undenkbar ist.

Ein neuer Irbis-Käfig mit Kalthaus wird derzeit vom Förderverein gebaut: 150.000 DM von den ca. 500 Rentnern des ehemaligen DDR-Fördervereins von der Ostrente abgespart. Was würden die toben, wenn von dem Geld auch nur eine Mark in eine Panzerglasscheibe investiert würde, wo ein Drahtzaun ausreicht. Aber immerhin können die Berliner nach Jahren wieder Irbisse sehen. Und in dem tiergerechten Zweckbau (große Freifläche an der Nordseite, Kalthaus) wird sicher auch die Zucht gelingen - also dem Artenschutz gedient.

Tatsächlich schwerwiegender Kritikpunkt am Brehmhaus wären die große Tropenhalle mit enormen Energieverbrauch bei leichzeitig geringem Zuchterfolg (wegen Gemeinschaftshaltung), sowie die Vogelvolieren zwischen den Raubkatzen-Innenboxen, in denen die Vögel wegen der Rundumverglasung unter stetem Streß stehen: beides Tieranlagen aus der DDR-Vergangenheit, die wegen der finanziellen Unterversorgung noch nicht beseitigt werden konnten.

Zum Giraffenhaus: Es ist das einzige Giraffenhaus, in dem sich die Tiere auch im Winter (1/3 des Jahres) dem Besucher in einer - hoffentlich bald großen - Gruppe auf großem Innenbereich im Sonnenlicht zeigen können. Die hohe Decke dient der Luftverbesserung und beugt Panikanfällen der Giraffen vor. Durch die Helligkeit des Innenraumes von zwei Seiten her können hier auch Jungtiere im Winter aufwachsen - ohne Rachitis.

Zum Malaienbärenhaus: Die Bären haben hier bessere Klettermöglichkeiten als in der Freiheit - und nutzen sie auch aus. Der Besucher erlebt die Tiere in Bewegung. Naturverständnis ist hier jedenfalls besser aufgehoben. Dagegen wirken die gelangweilten Malaienbären auf Felsanlage anderer Zoos wie Stoffpuppen.

Zum Schweinsaffenkäfig: Inzwischen ist er sehr gut eingewachsen und die Tiere klettern an den Drahtzäunen und an dem Deckenmaschendraht stundenlang und zur Freude aller Besucher. Man kann sagen, es ist die beliebteste Anlage im ganzen Park. Auf Bäumen könnten sie nicht halb so gut klettern. Das Drahtnetz wirkt sehr transparent. Leider können die Besucher das Füttern nicht unterlassen (hineingeworfene Eisbeine in Folienverpackung) - daher mußten (eigentlich Geldverschwendung) drei zusätzliche Glasfenster zur Besucherseite eingebaut werden.

Zur Kleinsäugerbaracke: Der Tierpark wartet sehnsüchtig darauf, ein neues Kleinsäugerhaus in Betrieb nehmen zu können: zum Beispiel in der ehemaligen Imbißgaststätte an der Freilichtbühne. Kostenpunkt: wenige Tausend DM, denn das Gebäude steht schon. Hindernis: die Gaststätte steht noch im Fremdeigentum. Das jetzige Kleinsäugerhaus wurde nicht abgerissen, da es im Winter das einzige begehbare Warmhaus in diesem Teil des Parks ist.

Sehr amüsant fand ich die Bemerkung über die Kuba-Laubfrösche (ohne Beschilderung). Denn eigentlich sind die Frösche 1996 ungewollt ins Krokodilhaus gekommen (sie haben ihre Vitrine in der Schildkrötenfarm). In der Krokodilhalle müssen sie regelmäßig entfernt und verkauft werden, weil sie Überhand nehmen. Hier eine Beschilderung anzubringen - daran hat freilich noch nie einer gedacht.

Haustieranlage ist inzwischen fertig. Sehr schön - ähnlich Afrikanum aber mit Holz-Kaltställen. Riesiges Gelände (3 ha) auf dem sich die Tiere austoben können.

Giraffengaragen, Leopardensammelboxen, Bärenkassetten, Schlangensetzkästen und Zebra-Archive könnten sicherlich in kurzer Zeit gegen Kulissen- und Erlebnisparkbauten ersetzt werden - wenn dafür Geld da wäre und wenn es sinnvoll ist. Hier bietet sich eine Grundsatzdebatte an zum Thema "was soll der Zoo künftig leisten ?"

Der Umbau erfordert sehr großen Sachverstand, damit die Vorzüge der jetzigen Anlagen nicht zugunsten der Schauwirkung für einzelne Besucher wegfallen. Ansonsten sollten wir bewährte Tierunterkünfte lieber beibehalten.

 Viele Grüße aus Berlin! Peter Röglin


Ich verkneife mir die zahlreichen Anmerkungen, die ich jetzt wieder hätte. Ich bin nicht überall seiner Meinung, aber er hat in vielen Dingen recht - besucht seine Web-Seiten!

(PS 2000: Peter nahm seine eigenen, ehrenamtlich für den Tierpark gestalteten Seiten u. a. auf Druck des Tierparks 2000 vom Netz)


© Fotos & Text: Dirk Petzold

Zuletzt aktualisiert am 7.1.2002 - Zoo-AG Homepage logoeule